Internet Reportagen
Peter Rühmkorf, die
Lyrik und das Internet
Eine Spurensuche im World Wide Web
Von Philip Mukherjee
18. Jun 2008, 08:56
Auf dem Lyrikportal www.lyrikline.org sind 480 Dichter mit jeweils zehn Gedichten vertreten. Jedes liegt dabei auch als Hörprobe vor - vom Künstler selbst vorgetragen. © http://www.lyrikline.org/
Lange schon war er an Krebs erkrankt. Sein Tod kam daher kaum überraschend: Peter Rühmkorf starb am 8. Juni 2008 im Alter von 78 Jahren. Der Dichter, Essayist und Stückeschreiber war ein Sprachvirtuose, der es meisterhaft verstand, Hochsprache mit Slang zu vermischen und Wörter in völlig ungewohnte Zusammenhänge zu stellen. Wer sich im World Wide Web auf Spurensuche nach diesem großen Künstler begibt, stößt schnell an seine Grenzen. Überhaupt scheinen sich Internet und Poesie nicht besonders zu vertragen.

Die Lyrikwelt steht auch denjenigen offen, die eigene Gedichte, Reime, Verse oder Prosa schreiben und diese im Internet veröffentlichen möchten. © http://www.lyrikwelt.de
Doch Ausnahmen bestätigen die Regel: Auch wenn die Lyrik die älteste bestehende Kunstform der Welt ist, moderne Kommunikationsformen wie das Internet bieten für sie ungeahnte Möglichkeiten.
Noch in diesem Jahr hatte Peter Rühmkorf - von seiner Krankheit bereits schwer gezeichnet - Gedichte und Textfragmente ('Paradiesvogelschiß') herausgebracht. Diese kreisen um das Thema, das den 78-Jährigen in den letzten Monaten am meisten beschäftigt haben muss: den Tod.

Vor allem aber sprühen sie vor feinem Witz und subtiler Ironie, wie so vieles was der Dichter zu Papier gebracht hat: Gedichte, die eigentlich gesprochen werden müssen und erst in auditiver Form ihre volle Kraft entfalten.
Die mit dem 'Grimme Online Award 2005' ausgezeichnete Internetseite Lyrikline.org hätte dem Poeten daher sicher gefallen. Hier sind nicht nur zehn seiner Gedichte aus unterschiedlichen Schaffensperioden abgedruckt, jedes davon kann auch angehört werden - von Rühmkorf selbst vorgetragen.

Mit seiner markanten Stimme liest er etwa die 'Elegie', eine Art Trauerrede: 'Hark ich dir die Erde vom Gesicht / lass die Blumen von den Ketten / himmelstrebend, hochgehanft / Dich in mein entfliehendes Gedicht / umzubetten'. Rühmkorf muss nicht erst umgebettet werden, um lebendig zu bleiben. Er lebt schon jetzt in seinem Werk weiter.
Die Homepage lyrikline.org widmet sich natürlich nicht allein dem humorigen Sprachakrobaten. Vielmehr bietet sie 'zeitgenössische Poesie' an: 'multimedial als Originaltext, in Übersetzungen und vom Autor in Originalsprache gesprochen.' Insgesamt 4.800 Gedichte von 480 Dichtern in 49 Sprachen sind bisher auf der Website versammelt.

Das Ganze ist ein 'work in progress', laufend kommen neue Dichter und Partnerländer hinzu. Das multilinguale Projekt lyrikline.org will dabei dem Buch nicht seinen Platz streitig machen, sondern versteht sich vielmehr als 'Multiplikator bei der Verbreitung von Poesie'.
Ein ähnliches Anliegen liegt dem Internetportal www.lyrikwelt.de zugrunde. Dieses beschränkt sich allerdings nur auf den deutschen Sprachraum, ist also weit weniger umfangreich. Auch der Dichter Rühmkorf ist hier vertreten - mit einem Hintergrundbericht über ihn und zwei Textauszügen aus seinen Erinnerungen. Hörproben gibt es auf dem Portal zwar grundsätzlich schon, sind unter der Rubrik 'Rühmkorf' jedoch nicht vorhanden. Die Textauszüge aus den Erinnerungen des Sprachkünstlers beschäftigen sich mit Grundsätzlichem. In 'Funken fliegen zwischen Hut und Schuh' (2003) schreibt der Poet etwa, dass er sich mit seinem Werk 'zwischen (den) entgegengesetzten Polen' zweier Dichter bewege: Bertolt Brecht und Gottfried Benn.
Das Lyrikportal poetryinternational.org versteht sich als weltweites Poesie-Forum, das Nachrichten, Essays, Interviews und Diskussionsmöglichkeiten bietet. Vor allem aber 'hunderte von Gedichten', geschrieben von zeitgenössischen Dichtern weltweit und abgedruckt in der Originalsprache und in Englisch. Der Unterschied zu Lyrikline ist, dass dieses Portal weit mehr Länder umfasst. Wer sich beispielsweise in die afrikanische Poesie einarbeiten möchte, findet hier einen guten Ansatzpunkt. Rühmkorf ist übrigens nicht mit aufgenommen. Überhaupt ist Deutschland mit nur 15 Dichtern vertreten, darunter Volker Braun und Durs Grünbein.
Was Peter Rühmkorf wohl über die modernen Poetry Slams gedacht haben mag? Gemeint sind die literarischen Vortragswettbewerbe, bei denen das Publikum den Inhalt sowie die Vortragsart bewertet und mit Punkten versieht. Vielleicht hat er sie gemocht, denn wie die Slam Poeten war auch er ein Freund des deftigen Wortes. Das Poetry-Slam Portal für den deutschsprachigen Raum nennt sich www.myslam.de. Sprachakrobaten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind hier mit Kurzbiografien vertreten. Außerdem gibt es You-Tube-Videos von einzelnen Wettbewerben.
'Hier ist das Internet zu Ende' erscheint als Meldung, wenn man den Link www.lyrik.de anklickt. Davon kann keine Rede sein. Für die älteste bestehende Kunstform der Welt bietet das World Wide Web ungeahnte Chancen. Können doch Menschen angesprochen werden, die der gedruckte Text nicht mehr erreicht. Peter Rühmkorf hätte das sicher nicht anders gesehen. In seinen Gedichten hat er bewiesen, dass er Neuem gegenüber zeitlebens aufgeschlossen war.
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