Sture Hunde von Jens Wonneberger, 2011, SteidlSture Hunde.
Roman von Jens Wonneberger (2011, Steidl).
Besprechung von Roland Mischke in der WAZ, vom 3.02.2012:

Die Zukunft ist nur geträumt
In seinem Roman „Sture Hunde“ erzählt der Autor Jens Wonneberger von einer Reise in die Vergangenheit. Er lässt einen Mann aus der Großstadt in dessen sächsisches Dorf heimkehren. Ein starkes Stück Literatur über die ostdeutsche Provinz.

Die Heimat kann wie Klebstoff sein, sie fesselt einen Menschen an eine Landschaft, an den Ort seiner Herkunft. Selbst dann, wenn er sich davon längst abgewendet hat. Wie Martin Rohrbach, der aus der Großstadt in sein sächsisches Dorf zurückgekommen ist, um seinen Vater zu beerdigen. Der war ein sturer Hund, aber nicht der einzige. Martin trifft noch viele weitere, die sich ebenfalls stur stellen. Sie haben sich regelrecht in das Dorf verkrallt, obwohl es ihnen – trotz Wellness Center im einstigen Viehstall – keinerlei Perspektive bietet.

Jens Wonneberger, Jahrgang 1960, in der Nähe von Dresden aufgewachsen, fiel mit seinen früheren Romanen als guter Beobachter auf. Der studierte Forschungsingenieur, der in der DDR in Ungnade fiel und mit Hilfsdiensten seinen Lebensunterhalt verdiente, beherrscht die Kunst, Details zum Anlass für eine Lebenssicht zu nehmen. Er verbindet Stimmungen zu einer beeindruckenden Atmosphäre. Sie ist desaströs, aber Wonneberger hat keine Scheu davor, ein Leben vor uns auszubreiten, das am Ende als misslungen bezeichnet werden muss. Zugleich schildert uns der Autor damit ein ostdeutsches Provinz-Panorama, das beispielhaft ist.

Über die Vergangenheit ist im Dorf kein Gras gewachsen, die Einwohner begegnen Martin mit Vorurteilen. Das bringt scheinbar längst vergessene Szenen hervor. Wie er eine Jugendliebe leichtsinnig hergab, ein Freund verraten wurde: Am Schluss des Romans wird dieser Gregor nach Kanada auswandern. Damit ist Linda frei, doch der Status der Ungleichzeitigkeit der Liebe hält nicht mehr, was er verspricht. Denn Martin entscheidet plötzlich, im Dorf zu bleiben, da will er noch mal „wie auf Probe leben“. Er lässt sich fangen, merkt es aber nur diffus.

Die Macht des Schweigens

Jens Wonneberger erzählt von der Macht des Schweigens, und welche nachhaltigen Wirkungen sie zeitigt. Die Erinnerung seiner Figuren an die Vergangenheit ist selektiv, ihre Zukunft nur geträumt, ihre Gegenwart öde, eine Leerstelle. Wonneberger schildert das ohne Melodramatik, das macht diesen Roman zu einem starken Stück Literatur.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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