Requiem.
Gedichte von Sándor
Tatár (2006, Kalligram).
Besprechung von Paul Alfred
Kleinert, Berlin-Kreuzberg, I.2012:
Längst ist er kein Unbekannter mehr im
deutschsprachigen Raum: der ungarische Schriftsteller und Übersetzer Sándor
Tatár, gebürtiger Budapester, der in Törökbálint mit Frau und Sohn lebt und an
der Ungarischen Akademie der Wissenschaften zu Budapest sich und den Seinen den
Lebensunterhalt als Bibliothekar verdient.
Als Übersetzer Schefflers,
Lichtenbergs,
Goethes, H.
von Kleists, Rilkes,
Hofmannsthals,
Schnitzlers (um nur einige zu nennen)
und zeitgenössischer Kollegen liegt, neben den eigenen fünf Gedichtbänden, auch
ein nicht unbeträchtliches Werk als Kulturmittler vor, wofür Tatár 2009 in
Deutschland mit dem Alfred
Müller-Felsenburg-Preis,
in Ungarn 2010 mit dem Attila
József-Preis
geehrt wurde.
2006 gab es gleich zwei literarische Ereignisse, die mit seinem Namen in Verbindung standen. Zum einen das in Bratislava auf Ungarisch erschienene Buch „Requiem“, zum anderen das in Leipzig bilingual herausgekommene „A végesség kesernyés v... / Endlichkeit mit bittrem Trost“, zu dem eine Reihe bekannter und renommierter Schriftsteller/innen Nachdichtungen beitrugen (um nur einige Namen der aus der älteren Generation Beteiligten zu nennen: Annemarie Bostroem, Günther Deicke, Heinz Kahlau, Paul Kárpáti und Péter Zalán), wobei die größte Anzahl der den Nachdichtungen zu Grunde liegenden Interlinearversionen vom Altmeister der Mittlerschaft zwischen Ungarn und Deutschen, Paul Kárpáti, verantwortet wurde.
Stiller ist es in den vergangenen Jahren um den Ungarn
geworden, was wohl mit entsprechenden Lebensumständen und denen im Lande zu tun
hat. Im Jahr 2008 indessen gab es in „Sinn und Form“ (Berlin 2008/1) in der
Übertragung Kárpátis zwei Gedichte Tatárs zu lesen, eines davon, dem Band
„Requiem“ entnommen und von Kárpáti in ’s Deutsche übertragen, sei hier
mitgeteilt:
„DER TOD IST GROSS“
Wenn der Sammet deiner Stimme
seinen Flausch verliert so wie ein durchgeseß’ner Lehnstuhl,
kann man wissen: etliche Adern deiner Liebe
sind nunmehr zu.
Wenn deine Stimme weich sich füllt
mit Waldesduft und dunklem Flaum
wie Moos am Fuß des Baumstamms,
kannst du/ kann ich wissen, daß von dem Labyrinth
im Innern, wie heilsame Lava sacht und sanft,
Liebe Besitz ergreift
Sobald deine Stimme fahl wird und
nach Staub riecht wie ein Wohnraum fest verriegelt,
ist das die grausigste Einmauerung.
Wenn in deinem Leib selbst eine Zelle
nur der Liebe stirbt,
verdunkelt deine Iris sich ein Gran.
Wenn im Leib dir eine einz’ge Zelle
der Liebe aufkeimt, wird deine Regenbogenhaut
blanker einen Schimmer
Wenn deinen Augen das Licht mählich ausgeht,
ist das der Tod.
Ungeachtet deines blendenden Aussehens,
für dein Alter, und seien
deine Laborwerte noch so beneidenswert.
Die genaue und ästhetisch feine Diktion, die Tiefe der Betrachtung und die in den Texten Tatárs mitgeteilte Lebenserfahrung lassen zu wünschen, daß sich ein Verlag findet, der die Bücher seiner auch im Deutschen in Gänze zugänglich macht und sein Werk hier zu Lande betreut.
Dem Schriftsteller, der im April dieses Jahres seinen 50sten Geburtstag begeht, sei umfassendes gutes Lebensglück und seinem Werk die diesem gebührende Anerkennung gewünscht.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]
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