Goldfishs
reisen um die halbe welt.
Gedichte von
Kurt Lanthaler (2011,
Haymon)
Besprechung von
Helmut Schönauer aus Rezensionen-online,
2012:
Manchmal steht die Literatur an einer Klippe und weiß nicht
recht, soll sie sich hinunterstürzen oder den geordneten Abgang nach hinten
antreten.
Kurt Lanthaler führt seine Poesie manchmal an diese Klippe der
Entscheidung und setzt sie dem Wind aller Gattungen aus. Im jüngsten Fall heißt
das Unterfangen im Vorspann: "Uebungen in tonaler atemkontrolle".
Äußeres Gerüst für diese Atemkontrolle, in der die Poesie mit allen Sinnen eingesogen und ausgesprüht wird, ist ein Goldfish, der um die halbe Welt reist. In fünfzig Reisen startet dieser Fischpoet meist aus dem Ural heraus und pro Gedicht segelt um die halbe Welt, er umkreist wohl fünfundzwanzig mal die Welt, wenn man nachrechnen wollte. Und das Seltsame seiner Tourneen ist, dass er oft als Buckelwahl endet und alle Fügungen durch das Nasenloch in die Atmosphäre sprüht.
Den Reisen, die etwa zu atlantikblauen Pomeranzen führen oder ins verruchte Eck einer Taverne, ist ein sogenanntes Reise-Speiseplan angefügt, worin die Reise als Menu kommentiert wird, das es zu verzehren gibt. Eine Erzählung über eine Reiseerzählung beschließt das poetische Abenteuer, wobei sogar ein wissenschaftlicher Einschub für die korrekte Verankerung des Wissens aufgeboten ist. "…dass Buckelwale eine komplexe Helix aus Luftblasen bauen, um ans Essen, und also ans Leben zu kommen. // Alles wiederum nichts als eine Frage der Atemkontrolle." (62)
Die einzelnen Abenteuer sind oft von einer gewissen substantiellen Orientierungslosigkeit geprägt. "Goldfish flog nach norden, dachte: / wenn ich auf die richtung achte // wird ich mich schon nicht verfliegen / wie zum beispiel in den sueden […]" (34)
Aber nicht nur die Akteure begeben sich auf brüchiges Eis, auch die Wörter selbst werden oft vom semantischen Sturm abgewetzt und vom phonetischen Wind verschliffen.
So lösen sich beispielsweise die Abenteuer-Überschriften mit Fortgang der Reise immer häufiger akustisch auf und es entsteht ein Nuscheln wie bei einem passablen Sud.
Überhaupt tauschen Wörter untereinander ihren Sinn aus, verschmelzen zu neuen Gebilden und finden nur mühsam in den Bauch des Buckelwals zurück.
Im äußeren Erscheinungsbild erinnern die Texte ein wenig an Arno Schmidt, manchmal gehen Zeilen sogar in puren Dadaismus über. Auch auf das Italienische hat Kurt Lanthaler dieses Mal nicht vergessen, zwei Texte entkommen dem Nasenloch des Wals auf Italienisch und sind im Abspann übersetzt.
Kurt Lanthaler hat in diese Abenteuertexte seine literarische Verschmitztheit verpackt. "Goldfishs reisen um die halbe welt" handeln nicht nur von Abenteuern, - sie sind ein literarisches Abenteuer!
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